Bildungsfahrt der Deutschkurse Q12 nach Weimar
Ein Gespräch am Weimarer Musenhof
Anna Amalia:
Ach, meine Herren, welch ein gar lebendiger Anblick bot sich uns gestern und heute in den Straßen Weimars! Ich meinte schon, halb Thüringen sei auf den Beinen, so drängten sich die jungen Leute vor den Toren des Theaters. Man sprach von vier Schulmeister:innen und fünfundsechzig Knaben und Mädchen, alle in bester Laune und – wie mir dünkt – von edler Wißbegier erfüllt.
Goethe (schmunzelnd):
Ei, Durchlaucht, Euer Urteil trügt Euch nicht. Ich sah sie selbst, noch ehe der Vorhang sich hob, im Foyer des Nationaltheaters, wie sie erwartungsvoll meiner Werther-Geburtstagsshow harrten. Da treten nicht nur einer, sondern gleich mehrere Werthers auf, jeder in anderem Gewand, und eine glitzernde Moderation führt das Publikum wie in einer heutigen Lustbarkeit des Fernsehens.
Anna Amalia:
So also sieht nun das Theater des neuen Jahrhunderts aus – mit Musik, die nicht mehr aus der Loge, sondern aus geheimnisvollen Apparaten tönt, und Schriftzügen, die wie von selbst an den Wänden erscheinen. Welch ein Zauberwerk der Technik! Doch wichtig ist mir, daß Eure Worte, lieber Goethe, und die Wahrheit der Empfindung darunter nicht verloren gehen. Die jungen Leute waren hingerissen! Welch mächtige Wirkung die Leidenschaften des jungen Werther noch immer entfalten – selbst auf jene, die kaum eine Handschrift kennen!
Schiller:
Mich dünkt, sie fühlten wirklich mit. Ich beobachtete einige Jünglinge, die bei Werthers letzter Klage alle Farbe verloren; und ein Fräulein im dritten Rang trocknete sich verstohlen die Augen. Das Theater soll nicht nur ergötzen, es soll erschüttern – und das hat diese Aufführung trefflich vermocht.
Anna Amalia:
So ist’s recht. Ich erinnere mich, Goethe, als Ihr mir einst als junger Dichter jene Briefe vorlaset, wie tief sie mich selbst bewegten. Nun sehet, über zwei Jahrhunderte später bewegt Ihr noch die Massen. Wollte Gott, mehr Menschen verzichteten auf das müßige Klagen und ließen sich stattdessen zu eigenem Schaffen anregen, wie es jene jungen Geister nun tun wollen – sie sprachen doch gar von eigenen Stücken, nicht wahr?
Goethe:
In der Tat. Ich lauschte ihren Worten auf dem Theaterplatz. Jeder wollte gleich ein Stück verfassen, einer schwärmte gar von einem „modernen Faust“, ein andrer sagte, Liebe und Melancholie reichten ihm für drei Akte. Ich lächelte still – es erinnerte mich, daß jedes Genie einmal mit jugendlichem Übermut beginnt.
Schiller (nickt zustimmend):
Das Feuer der Jugend ist ein göttlicher Funke. Wenn es mit Vernunft vereint wird, da entbrennt wahrhafte Kunst. Doch heute früh, als sie die Betten der A&O-Herberge verließen, sah ich viele mit schlafmüden Augen, was mich an meine Studentenzeit erinnerte. Gleichwohl schien das Frühstück sie zu neuem Mut zu erwecken – und bald zogen sie in drei Zügen durch die Stadt.
Anna Amalia:
Ich habe wohl vernommen, ein Trupp sei in mein Bibliothekshaus gekommen. Der Bibliothekar sprach begeistert von ihrer Neugier und ihrer Ehrfurcht vor den alten Folianten. Einer fragte gar, ob der Geist der Herzogin hier noch wache – da mußte ich lächeln, obgleich unbemerkt.
Goethe:
Auch mein Haus ward nicht verschont. Ganze Trauben junger Besucher drängten sich vor den Schreibtisch, wollten wissen, ob ich wirklich jeden Morgen um fünf Uhr zu schreiben pflegte. Einer berührte fast die Feder – freilich nur aus Staunen. Doch wie aufmerksam sie lauschten! Es ist tröstlich zu wissen, daß der Geist Weimars noch immer Gäste empfängt, die nicht bloß knipsen, sondern auch denken.
Schiller:
Heut Nachmittag sah ich sie durch mein Haus ziehen – und welch Treiben dort! Eine große Ausstellung Eures Werkes, lieber Goethe, füllt nun die Säle des Schiller-Museums. Ich gönne Euch ja Euren Ruhm, doch daß in meinem Hause Euer Faust den größten Platz einnimmt, das kitzelt meinen Stolz denn doch ein wenig.
Goethe (verschmitzt):
Lieber Freund, mag mein Faust doch ein Weilchen Unterschlupf bei Euch finden – im Grunde ehret es ja uns beide.
Anna Amalia:
Von Euren Neckereien ganz abgesehen, sah ich, wie die jungen Gäste dazwischen doch das profane Leben nicht vergaßen. Denn ich roch in den Gassen den Duft der Bratwürste, und manch einer schleppte gar eine Kaffeetasse mit Goethes Antlitz. So vereint sich Geist und Leib, Ideal und Alltag – wie’s wohl sein muß.
Schiller:
Eines freilich hat mich höchlich verwundert: ihr Besuch im Bauhaus-Museum. Diese klaren Linien, die kahlen Flächen, Stühle, die wie aus lauter Winkeln bestehen – man weiß kaum, ob man darauf sitzen oder darüber nachdenken soll. Unsereins ist an Schnörkel, Faltenwurf und Draperie gewöhnt; hier aber herrscht eine Strenge, die fast philosophisch scheint.
Anna Amalia:
Vielleicht ist das das neue Ideal: Die Form folgt der Funktion. Wenn unsere jungen Freunde sich ebenso darüber befragen wie einst über Eure Verse, so bleibt Weimar doch, was es immer war – ein Ort, an dem Geist und Geschmack sich wandeln und doch miteinander im Gespräch bleiben. Ein herrliches Bild, meine Freunde! Weimar lebt, solang es junge Menschen gibt, die lesen, denken und fühlen.
Goethe:
So ist’s, Durchlaucht. Denn jede neue Generation, die hier verweilt, hält unser kleines Reich der Künste lebendig.
Schiller:
Einmal Weimar – immer Weimar!
© An der Erstellung dieses Artikels waren menschliche Kreativität (Frau Dengler, Frau Schneider, Frau Seufert) und technische Hilfsmittel (KI) beteiligt.









