Der Besuch der alten Dame

Aufführung der Schulspielgruppe 2 am Gymnasium Marktbreit

Kann man sich für Geld Gerechtigkeit kaufen? Ist gekaufte Gerechtigkeit ihrem Wesen nach noch Gerechtigkeit? Wie weit geht ein Mensch für Geld und wie ehrlich kann er sich das eingestehen? Dies sind einige der Hauptkonfliktfelder der tragischen Komödie „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt, die am Gymnasium Marktbreit an drei Tagen vor vollem Haus aufgeführt wurde.

Unter der Leitung von Dr. Roland Kofer stellten sich die Mitglieder der Schulspielgruppe 2 der anspruchsvollen Herausforderung, dieses berühmte Theaterstück auf die Bühne zu bringen und auszuagieren, was Dürrenmattsche Dramenkunst ausmacht: das Tragische, das Komische und das Groteske.

Das Tragische des Stücks liegt in der Haupthandlung und deren Vorgeschichte: Klara Wäscher wird in ihrer Jugend von ihrem damaligen Freund Alfred Ill schwanger, er leugnet die Vaterschaft, gewinnt den gegen ihn angestrengten Prozess, indem er Zeugen besticht, worauf Klara verarmt und entehrt die Kleinstadt Güllen verlässt. Nach einer Zeit des Unglücks und der Prostitution wird sie durch mehrere Ehen steinreich und kehrt als Milliardärin Claire Zachanassian in ihren Heimatort zurück, der durch ihre jahrelange Einflussnahme zu einem verarmten, abgerissenen Ort verkommen ist. Und nun fordert sie Gerechtigkeit, indem sie der Stadt und ihren Bewohnern eine Milliarde für den Kopf von Alfred Ill bietet.

Die beiden Hauptdarsteller bewältigten diese tragischen Aspekte des Stücks souverän. Miriam Stabenow spielte die Rolle der Claire Zachanassian überzeugend und gekonnt. Sie spielte das Kalte und das Herzlose, das den Vordergrund der Rolle ausmacht, und ließ im richtigen Maße die Verbitterung und Verzweiflung durchscheinen, die sich der alten Dame durch ihr Schicksal bemächtigt hatten. Und auch Noah Weißenberger spielte den Alfred Ill souverän. Gekonnt führte er das Publikum durch die Entwicklung dieser Rolle vom skrupellosen, schmierigen Kleinstadtcasanova zum tragischen Helden am Ende des Stücks.

Unterstützt wurde er durch die anderen Schauspieler der Gruppe, die in ihren typisierten Rollen die Schlinge um Alfred Ills Hals immer weiter zuziehen. Sie alle sind die „Besuchten“, die scharf auf das Geld der alten Dame sind, und dafür letztlich alles tun. Da sind die Bürgermeisterin (Lucy Gronau), der Pfarrer (Niklas Löther), der Polizist (Florian Hankewitz), die Mitglieder von Ills Familie und all die anderen Güllener, die im Verlaufe des Stücks jegliche Moral verlieren, ohne sich dies einzugestehen. Schmierig und verlogen bereiten sie den Empfang der Milliardärin vor und oberflächlich entrüstet weisen sie ihr Angebot, Ill für eine Milliarde zu töten, zunächst zurück. Sie berufen sich auf humanistische Ideale, auf den Rechtsstaat, auf soziale Werte und schielen doch die ganze Zeit auf das Geld der alten Dame. Konzentriert und dicht bildeten all diese Schauspieler zusammen den Rahmen für Ills Wandlung. In der Erwartung des Geldes der Milliardärin beginnen sie Schulden zu machen, verschanzen sich hinter hohlen Phrasen und setzten Ill so lange zu, bis dieser letztlich durch Furcht und Entsetzen zur Einsicht seiner Schuld gelangt, während sie alle Werte preisgeben und ihn für Geld ermorden. Die jungen Darstellerinnen und Darsteller agieren überzeugend als ein Kollektiv, das eines seiner Mitglieder ausgrenzt, fallen lässt, schließlich vernichtet.

Doch die Tragik kommt in der Theaterkunst Dürrenmatts immer in Gestalt des Komischen und letztlich des Grotesken daher. Die schlimmstmögliche Wendung einer Geschichte ist für Friedrich Dürrenmatt immer die Komödie, da in seinen Augen nur sie, und nicht die Tragödie, die Absurdität der modernen Welt darstellen kann. Und es gelang allen Beteiligten dieses Konzept in ihrer Darbietung umzusetzen. Die Zuschauer lachten über die gekonnt inszenierten komischen und grotesken Elemente des Stücks. Sie lachten, wenn das Gefolge der alten Dame auftrat, etwa ihr dümmliche Ehemann (Niclas Michel), der sie, die alle Fäden der Handlung mit Macht in ihren Händen hält, mit lispelnder Stimme als „Mausi“ betitelt. Und sie lachten, wenn die blinden und kastrierten ehemaligen Zeugen des Prozesses gegen Alfred Ill ihre kindlichen Sprechgesänge einstreuen. Sie lachen, als der Sarg für Alfred Ill gleich mitgebracht wurde und oft war es die Art von Lachen, die einem im Halse stecken bleibt.

Unterstützt wurde das Komische und das Groteske der Inszenierung Roland Kofers durch das Instrumental- und Vokalensemble unter der Leitung von Martin Burkhardt. So sang der „gemischte Chor“ Güllens sein Ständchen zur Begrüßung von Claire Zachanassian und stellte durch seinen betont biederen Gesang die Spießigkeit und die Verlogenheit der Güllener besonders heraus. An einer anderen Stelle, als Alfred und Claire auf den Spuren ihrer alten Liebe wandeln, ließ das Vokalensemble den Schlager „Wochendend und Sonnenschein“ ertönen, und die von Schauspielern dargestellten Bäume schunkelten im Takt dazu.

Der historische Hintergrund wurde durch das Bühnenbild, die Kostüme und auch die Einlagen der Tanzgruppe unter der Leitung von Iris Ruppert überzeugend dargestellt: Es sind die fünfziger Jahre, die hier noch einmal heraufbeschworen werden. Die Zeit des Wirtschaftswunders und des ungezügelten Konsums, die Oberflächlichkeit und materielle Orientierung der Gesellschaft wurden durch laszive, grell geschminkte, amerikanisierte Tänzerinnen versinnbildlicht und bilden einen Rahmen für das Verhalten der Güllener.

Es gelang allen Beteiligten unter der versierten Leitung von Dr. Roland Kofer dieses vielschichtige Drama überzeugend zur Aufführung zu bringen. Und es war kurzweilig und spannend anzusehen, wie die Frage nach individuellem Recht und öffentlicher Gerechtigkeit in dem von Friedrich Dürrenmatt entwickelten Zusammenspiel des Tragischen, des Komischen und des Grotesken auf beeindruckende und erwachsene Weise von einer Schultheatergruppe umgesetzt wurde.

Katja Schulte-Bockholt
Bild: Lukas Nickel

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