„Wie kann man gut sein, wo alles so teuer ist?“

Aufführung des Stücks Der gute Mensch von Sezuan von Bertolt Brecht am Gymnasium Marktbreit

Kann ein Mensch auf der Welt zugleich gut sein und gut leben? Ist Moral eine Frage des Charakters oder der Gesellschaft? Das sind die Probleme, die Bert Brecht in seinem Theaterstück „Der gute Mensch von Sezuan“ aufwirft. Die Schulspielgruppe 2 des Gymnasiums Marktbreit präsentierte unter der Leitung von Dr. Roland Kofer an drei Abenden ihre Inszenierung dieses epischen Theaterstücks.

Die Handlung führt in das kapitalistische, von Armut geprägte China der Vergangenheit. Drei Götter steigen auf die Erde herab, um in einer von Egoismus beherrschten Gesellschaft wenigstens einen guten Menschen zu suchen. In der Provinz Sezuan scheinen sie diesen nach langer Suche zu finden: Es ist die die Prostituierte Shen Te. Weil sie ihnen großzügig ein Nachtquartier anbietet, belohnen die Götter sie reich. Sie kauft sich von dieser Belohnung einen Tabakladen, in dem sich aber sofort zahlreiche ungebetene Gäste einquartieren. Shen Te lässt sich ausbeuten, gibt den Armen Geld und Kredit, ist ein guter Mensch, verliebt sich in einen mittellosen Flieger, unterstützt auch diesen, bis der Laden schließlich Bankrott zu gehen droht. Aus Not schlüpft sie nun in die Rolle eines erfundenen Vetters Shui Ta, der mit viel Geschäftssinn und der nötigen Härte die prekäre Lage abwenden kann. All die Personen, die Shen Te zuvor ausgenutzt haben, müssen nun für Shui Ta als abhängige Lohnarbeiter schuften. Als Shen Te verschwunden bleibt, werden die Arbeiter jedoch argwöhnisch und beschuldigen Shui Ta, Shen Te ermordet zu haben. Es kommt zu einer Gerichtsverhandlung, in der Shen Te schließlich gesteht, dass sie in Shui Tas Rolle geschlüpft ist, um nicht zugrunde zu gehen.

Die jungen Darstellerinnen und Darsteller füllten ihre Rollen mit großem Einsatz und beachtlichem schauspielerischen Geschick aus. Deborah Bauer meisterte ihre Doppelrolle Shen Te / Shui Ta souverän. Sie spielte den „guten Menschen“ mit der von der Rolle verlangten natürlichen Unmittelbarkeit. Sie gibt, und sie gibt gern: Geld, Liebe, Hoffnung, Halt. Bis sie beinahe daran zugrunde geht, denn ihre Gegenspieler sind zu mächtig: Beeke Tappe, Franz Xaver Hetterich, Jonathan Gröger, Julia Reger, Michael Terzic, Laura Will, Lukas Nickel, Florian Hankewitz, Chrissy Jurcic, Lisa Welp, Miriam Stabenow, Lena Reiß, Artur Wollert, Valentin Beige, Alexander Brand, Noah Weißenberger. All diese Schauspieler verkörpern die Gesellschaft, in der sich der „gute Mensch“ bewähren und über Wasser halten muss: Arbeiter, Handwerker, Prostituierte und Obdachlose sind sie. Die Umstände haben viele von ihnen arm und elend, wenige reich und gierig werden lassen. Sie alle haben es jedoch aufgegeben, gut zu sein. Sie haben gelernt, wie man sich einen Vorteil verschafft. Die Darsteller fangen durch ihr Spiel diese die kapitalistische Welt bevölkernden Menschen in ihrer Ambivalenz ein: Sie sind arm und korrupt, dreist, hart und verlogen. Sie haben ihre Aufrichtigkeit verloren, viele auch ihre Zivilcourage, aber sind zugleich immer auch als Opfer erkennbar.

Interessant wurden auch die drei Götter inszeniert. Diese Träger von scheinheiliger Ignoranz im Mantel eines hohen moralischen Anspruchs spielten Carly Jurcic, Jule Friedrich und Lucy Gronau als drei oberflächliche Schönheiten mit perfektem Lippenstift und lackierten Nägeln, die flach und phrasenreich vor sich hinplappern. Sie verlangen, dass der Mensch gut sein soll, aber sie verschließen die Augen vor der Gesellschaft, die ihn daran hindert. Sie geben Shen Te Geld, rümpfen aber die Nase, wenn sie damit Geschäfte macht. Sie verlangen, dass sie die Armen speist, fragen aber nicht, womit sie den Reis bezahlt, den sie weggibt.

Und zuletzt ist da noch der Wasserträger Wang, gespielt von Marius Gold, der zwischen Menschen und Göttern zu vermitteln sucht. Gütig aus Resignation, lebt er in einer Traumwelt und sieht die Welt aus einer Perspektive der Ängstlichkeit und des schlechten Gewissens.

Eine Gruppe Tänzerinnen aus den achten und neunten Klassen bereicherte unter der Leitung von Iris Ruppert das Stück. Ihre Darbietungen fungierten quasi als Verfremdungseffekte im Sinne von Brechts Theorie des epischen Theaters. Die Band „Monday Socks“ wies mit ihren musikalischen Beiträgen immer wieder auf die Kernaussage hin: Dass der gute Mensch gute Umstände braucht. Dass er verschlissen wird in einer Welt, die von Egoismus und Kapitalstreben geprägt ist. Dass der gute Mensch gezwungen wird, seine schlechte Hälfte über sich regieren zu lassen.

Alle Akteure vor und hinter der Bühne haben unter der Regie von Dr. Roland Kofer eine Inszenierung abgeliefert, die auf gelungene Art und Weise mit dem epischen Theater von Bert Brecht experimentiert. Mutige Aktualisierungen und mutiges Sich-Einlassen auf Brechts Theaterkonzeption hielten sich die Waage, so dass Belehrung - so hätte es Brecht gewollt - und Unterhaltung - so mag es das Publikum - nicht im Widerspruch zueinander standen.

Katja Schulte-Bockholt
Fotos: Christina Jurcic

Bildgalerie