Dr. Faustus am Gymnasium Marktbreit

„Die Hölle ist frei und ungebunden an einen Raum“, das erklärt Mephisto dem Dr. Faustus vor der Kulisse einer lieblichen Gartenlandschaft, in welche die Bühne der Turnhalle des Gymnasiums Marktbreit an drei aufeinanderfolgenden Aufführungstagen des letzten Wochenendes verwandelt worden ist. So recht mag es das in eine solche Idylle versetzte Publikum zunächst nicht glauben, und auch die Hauptfigur des Dramas „Dr. Faustus“ nimmt diese Aussage nicht ernst genug.

Doktor Faustus (Felix Tremmel) und Mephisto (Moritz Wegner) verhandeln um Doktor Faustus’ Seele.

Seit Jahrhunderten beschäftigen sich die Dichter mit dem Stoff des Dr. Faustus, der seine Seele dem Teufel verspricht, um als Gegenleistung ein Leben führen zu können, das keinen Wunsch offen lässt. Während aber fast jeder den „Faust“ von Goethe kennt, ist die frühere Bearbeitung des englischen Renaissance-Dichters Christopher Marlowe eher unbekannt. Sie diente den Teilnehmern der Schulspielgruppe 2 unter der Gesamtleitung von Dr. Roland Kofer als Vorlage für ihre Interpretation des Kampfs zwischen Gut und Böse.

Es gelang den über 50 Personen auf und hinter der Bühne, ihre Zuschauer für zwei Stunden in ein schillerndes Theatrum mundi zu entführen, in dem mal derb, mal leise der kometenhafte Aufstieg und der bodenlose Fall eines Mannes, der alles erreichen will und am Schluss alles verliert, zur Schau gestellt werden.

Dr. Faustus, begabt und gebildet in den Wissenschaften seiner Zeit, sucht mehr Wissen, mehr Macht und mehr Ruhm als man durch menschliche Kraft erringen kann. Felix Tremmel spielt diese Figur auf beeindruckende Weise. Zwischen Genialität und Wahnsinn, zwischen Machtbesessenheit und grenzenloser Selbstüberschätzung taumelt er als Doktor Faustus durch das Stück. Er wird reich, er wird mächtig und er wird berühmt. Was er auch möchte, der Teufel beschafft es ihm. Mit knappen, aber präzisen Gesten, gelangweilt und bis zum Ekel abgeklärt wird die Teufelsfigur von Moritz Wegner in Szene gesetzt und spiegelt so gekonnt den immer machtgieriger, oberflächlicher und alberner werdenden Faustus.

Faustus bei der „Russenmafia“; von links: Beeke Tappe, Tobias Veh, Deborah Bauer, Felix Tremmel.

In zahlreichen gelungen, genau und engagiert ausgespielten weiteren Rollen wird exemplarisch die ganze Welt mitsamt Himmel und Hölle auf die Bühne gebracht. Alle gruppieren sich um Dr. Faustus und sind seine Begleiter, seine Opfer, seine Warner und seine Verführer. Immer wieder wird das Stück durch gelungene Modernisierungen, durch freche musikalische Untermalungen, passend choreographierte Tänze und gezielt eingesetzte Licht- und Toneffekte aufgelockert und verfremdet. Hoch über dem Bühnenraum thronend steigen unheimlich und bizarr die Vertreter der Hölle auf und lassen die sieben Todsünden in Gestalt von ironisch ausgespielten Frauenrollen vor Faust erscheinen. Die Mächtigen der Welt werden von Doktor Faustus aufgesucht. Er foppt als Unsichtbarer die tollpatschigen Vertreter des Vatikans, lässt für den amerikanischen Präsidenten Marylin Monroe noch einmal auferstehen, die unter anerkennenden Lachsalven des Publikums ihr berühmtes „Happy birthday, Mr. President“ haucht. Fesch-derbe Mädels im Dirndl bieten sich unter grotesker Blasmusikuntermalung dem nach Wollust gierenden Faust an. Ein Vertreter der Russenmafia sucht die Nähe zu Faustus, der immer mächtiger, immer dreister und immer älter wird. Ab und an regt sich sein Gewissen, je näher sein Tod kommt, desto stärker. Eindrucksvoll wird der Kampf zwischen Gut und Böse durch einen weißen und einen schwarzen miteinander ringenden Judokämpfer dargestellt. An anderer Stelle tanzen weiße Engel in fluoreszierendem Licht mit schwarzen Masken einen grotesken Tanz. Warnende gibt es genug, die Faust zur Reue und zur Umkehr rufen. In Fausts Seele kämpft ein guter Engel mit einem bösen, ein alter Mann versucht ihn noch kurz vor dem Showdown auf den richtigen Weg zu bringen, aber zum Schluss bleiben die Verführer stärker.

Mal lachend, mal schaudernd verfolgt das gebannte Publikum das Stück, das so viele Mitwirkende zu einem gelungenen Spektakel mit philosophischem Tiefgang gestaltet haben. Vom Bühnenbild über die Maske, die musikalische Untermalung unter der Leitung von Victoria Busch, die von Iris Ruppert choreographierten Tanzeinlagen bis hin zur beeindruckenden Regiearbeit von Dr. Roland Kofer und seiner beiden Helferinnen Anne Hofmann und Alexandra Just haben alle Mitwirkenden eine beeindruckende Leistung auf die Bühne gebracht.

„Die Hölle ist frei und ungebunden an einen Raum“, so erfährt es Doktor Faustus ganz zu Beginn seines Falls. Erst in seinem hintergründig-verzweifelten Schlussmonolog, in dem er seine vertane Chance erkennt und das kommende Grauen vorwegfühlt, ahnt er vielleicht die Bedeutung dieses Teufelssatzes. Doch da ist es zu spät, und er wird in einer fulminanten Schlussszene und unter donnerndem Applaus des Publikums vom Teufel geholt.

Katja Schulte-Bockholt

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