Besuch am Amtsgericht Kitzingen

Der Ablauf des Ethik-Unterrichts in der Kollegstufe enthält das Semesterthema Recht und Gerechtigkeit. In der Absicht, dieses Thema durch eine praktische Erfahrung einprägsamer zu vermitteln, findet traditionell ein Besuch am Amtsgericht der Kreisstadt statt.

Dabei wurden zwei Fälle verhandelt. Die erste Angeklagte war eine junge Frau, der unerlaubte Entfernung vom Unfallort zur Last gelegt wurde. Sie fand in Richter Hülle einen eher verständnisvollen Vertreter der Rechtsprechung und kam mit einer Verwarnung und dreißig Stunden Sozialdienst davon.

Im Unterschied zum Recht kamen auch ethische, rechtlich nicht relevante Fragen zum Vorschein. Kann eine Firma z. B. auf der Basis eines 400-Euro-Vertrages jemanden wöchentlich über 20 Stunden arbeiten lassen? Darf eine KFZ-Firma überhöhte Rechnungen stellen, die nicht nur Versicherungsprämien erhöhen, sondern auch einen Angeklagten weit über den eigentlich notwendigen Rahmen hinaus in Schwierigkeiten bringen? Darf man der Aussage eines Geschädigten ohne weitere Beweise Glauben schenken?

Im zweiten Fall musste sich ein junger Mann wegen Körperverletzung unter Alkoholeinfluss verantworten. Er hatte keinerlei Erinnerung an den Vorgang, versuchte aber unter Zeugenaussagen keinerlei Ausflüchte. Auch er kam glimpflich davon unter Zahlung eines Bußgelds.

Beide Erfahrungen waren sicherlich dazu geeignet, den Kollegiaten den Zusammenhang zwischen bestimmten Verhaltensweisen und dann erfolgenden unangenehmen Konsequenzen vor Augen zu führen und außerdem feinere Unterschiede zwischen Recht und Gerechtigkeit darzustellen.

Manfred Engelhardt