Dasselbe in Grün

Vor dem eintretenden Zuschauer öffnet sich vorhanglos die groß angelegte Bühne des Welttheaters: rechts der Bereich des Bösen, links die himmlische Sphäre und in der Mitte, auf der vorderen Hauptbühne die Erde und der Mensch.

Und es ist auch der ganz große Wurf, den sich die Teilnehmer der Schulspielgruppe 2 und des Grundkurses Dramatisches Gestalten unter der Leitung von Dr. Roland Kofer vorgenommen haben. Schon deshalb, weil es sich um ein selbstgeschriebenes Stück handelt, in dem die jungen Autorinnen Daniela Kolla, Laura Kolla und Vera Nusko mit der Musik von Daniel Augustin und Sebastian Hammer eine philosophische Auseinandersetzung mit den Kategorien des Guten und des Bösen inszenieren. Der Mensch, das ist in diesem Stück Prof. Dr. Jakob, gespielt von Philipp Müller. Er ist das Zerrbild eines Topmanagers unserer Zeit, von Bodyguards begleitet (Felix Burckhardt, Sebastian Klein), skrupellos und selbstgefällig bewegt er sich durch seinen Alltag, entlässt Mitarbeiter (Benjamin Kleinschnitz), schikaniert Kellner (Eduard Müller, Felix Burckhardt), betrügt seine Frau (Tamara Häußler), nutzt seine Geliebte (Katharina Richter) aus und hält sich bei all dem für ungeheuer witzig und geistreich. Dabei wird er beobachtet von Himmel und Hölle, die miteinander um seine Seele konkurrieren. Ähnlich wie beim Faustschen Prolog im Himmel machen der Teufel (Christopher Grohmann) und der Chefengel (Daniel Augustin) ihre Positionen klar: Moralische Integrität, Verzicht und selbstlose Liebe auf der einen Seite werden dem Genuss, dem Rausch und der persönlichen Selbstverwirklichung auf der anderen Seite entgegengestellt. Der Mensch, und da sind sich beide Seiten zu Beginn des Stückes noch einig, hat die freie Wahl.

Nun, der Mensch wählt, und er wählt das Böse. Er schikaniert seine Umwelt weiter und die Situation eskaliert so sehr, dass er seine Geliebte ermordet. Nun senden Gut und Böse ihre Vertreter auf die Erde, damit sie um den sich im Ausnahmezustand befindenden, schuldig gewordenen Menschen buhlen. Der Himmel entsendet Eudaimon, die Unschuld (Johannes Holubar), der mit seiner herzlich-naiven Art keine Chance gegen Damian, den Botschafter des Bösen (Nicolas Kuhn) hat. Damian macht Eudaimon betrunken, zieht seine Heile-Welt-Menschlichkeit ins Lächerliche und gewinnt den Menschen für sich.

Doch Gabriel, der moralapostelartige Stellvertreter des Guten, kann die Entscheidung des Menschen nicht akzeptieren und bricht deshalb die Regeln, die Übereinkunft zwischen Gut und Böse, die darin besteht, den Menschen selbst entscheiden zu lassen. Er begibt sich auf die Erde, dreht die Zeit zurück – und dann fängt alles noch einmal von vorne an: Alles soll gut werden und dafür wird der Mensch zum Guten gezwungen und verkommt deshalb zu seiner eigenen Witznummer. Er befördert seinen Mitarbeiter statt ihn zu entlassen, er verlässt seine Geliebte, um sie sofort danach zum trauten Familienessen einzuladen. Sie bringt Gurkensalat mit, versteht sich blendend mit seiner Frau und seinen Kindern (Christina Fehler, Lukas Dod).

Das Gutsein wird immer absurder und entgleist schließlich völlig. Hier jedoch greift das restliche Personal von Himmel und Hölle ein. Es vertreibt Gabriel aus der Welt – das Gute braucht das Böse, so ist die Botschaft, nur miteinander können beide Bereiche existieren. Die Frage lautet: Was ist gut, wenn es das Böse nicht gibt, und die Antwort liefert der Titel des Stücks: Dasselbe in Grün.

Es ist ein lustiges Stück, man muss lachen über die Borniertheit dieses dumpfen Topmanagers mit seinen abgedroschenen Egophrasen, über die puttengleichen Engelchen mit ihrer Güte und Naivität und auch über die Herrscher des Bösen in ihrer rot-schwarz ausgestalteten Höllenwelt (Laura Kolla, Evelyn Kleine), alles Figuren, die sich zwischen Klischee und Ansätzen von Selbstironie bewegen. Und man muss lachen, wenn Gabriel in das Weltgeschehen eingreift, wenn das Gute zum eigenen Zerrbild wird und verordnete Harmonie und Menschlichkeit sich als absurd erweisen.

Aber auch der philosophische Teil des Stücks findet seinen Raum und wird glaubwürdig inszeniert: Der Mensch, schuldig geworden, umworben von Gut und Böse, irgendwo in einer Bar, allein mit sich und ein paar Engeln und Teufeln, die nur er sieht, während er sich besinnungslos trinkt. Und zu allem sich windend und tanzend bewegt sich sein Unterbewusstsein, personifiziert in einer grün gekleideten, maskierten Figur (Daniela Kolla, Vera Nusko).

Gekonnt und mit viel Sorgfalt fürs Detail setzen die Schauspieler mit Unterstützung der zahlreichen Helfer hinter der Bühne die pointiert verfassten Dialoge in lebendiges Spiel um. Sehr gelungen ist auch die Musik zum Stück. Die Lieder und Instrumentalstücke der jungen Texter und Komponisten, live begleitet von einer siebenköpfigen Band, unterstützen die Botschaft der Handlung und lockern diese zugleich auf. Vom kräftigen Rock bis zur melodischen Ballade reicht das Repertoire. Mutig sowie erstaunlich professionell singen die Schauspieler ihre Lieder, die leitmotivisch die unterschiedlichen philosophischen Positionen herausarbeiten. Als ein Beispiel seien hier nur die Lieder der beiden Botschafter des Guten (Lisa Engel, Sina Richter) genannt, die mit ihrer menschenfreundlicheren Moral die bürokratisch wirkende ordnungsgemäße Durchführung von Moral und Tugend, die der Erzengel Gabriel vertritt, ironisch brechen.

Es war ein wirklich gelungenes Theaterstück, das zahlreich erschienene Publikum honorierte es an beiden Aufführungsabenden mit donnerndem Applaus. Gut vierzig Personen vor und hinter der Bühne haben bewiesen, dass auch eine Schulbühne sich den großen Themen des „theatrum mundi“ nähern kann, das die Welt und ihre Ordnung auf die Bühne holt, um sie dort zur Schau zu stellen und auszuagieren.

Katja Schulte-Bockholt

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