Archivprojekt einer neunten Klasse und des Leistungskurses Geschichte

Zum wiederholten Male wurde vom bayerischen Kultusministerium ein archivpädagogisches Projekt ausgeschrieben, für das pro Regierungsbezirk eine Schule ausgewählt wird. In diesem Jahr hat das Gymnasium Marktbreit den Zuschlag erhalten, so dass zwei Klassen zusammen mit ihrer Geschichtslehrerin Katja Schulte-Bockholt für je einen Tag das bayerische Staatsarchiv in der Würzburger Residenz besuchen konnten. Sinn dieses Projektes ist es, den Schülerinnen und Schülern die Funktion und die Arbeitsweise eines Archivs nahe zu bringen und sie selbst zu Benutzern dieser wichtigen Materialsammlung für Historiker zu machen. So sollen sie erkennen, woher die Geschichtsschreibung, der sie ja täglich in ihren Schulbüchern begegnen, eine große Anzahl ihrer Quellen bezieht.

Das Projekt widmete sich dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, nämlich der Verschleppung und Ermordung jüdischer Bürger aus Franken während der Zeit des Nationalsozialismus. Hierfür bietet das Staatsarchiv Würzburg ausgezeichnet geeignetes Aktenmaterial, das den Schülerinnen und Schülern der Klasse 9c und des Leistungskurses Geschichte einen sehr anschaulichen und deshalb erschreckenden Einblick in die Bürokratie der Massenvernichtung bis in die unterste Ebene erlaubte. Die Aktengrundlage für dieses Projekt bildeten zum einen die so genannten Deportationsakten, welche die Organisation der sieben mainfränkischen Deportationsmaßnahmen bis ins Kleinste dokumentieren. Hier konnte auf bedrückende Weise Einblick in die kalt und bürokratisch geplante und durchgeführte Logistik, die hinter der Verschleppung von mehreren tausend Menschen steht, genommen werden. Zum anderen standen den Schülerinnen und Schülern Einzelakten der Gestapo-Stelle Würzburg zur Verfügung. In ihnen zeigte sich anhand von Einzelschicksalen, wie die jüdischen Bürger durch zahlreiche Schikanen schrittweise entrechtet und ausgegrenzt wurden, bis sie in den Jahren 1941 bis 1943 in den Deportationszügen in die osteuropäischen Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt wurden.

Engagiert begleitet wurde dieses Projekt von der Archivoberrätin Frau Dr. Ingrid Heeg-Engelhart vom bayerischen Staatsarchiv. Schon im Vorfeld der beiden Schülerbesuche stand sie stets mit Rat und Tat zur Seite. So beriet sie beispielsweise bei der Auswahl der Akten, die für die Schüler zugänglich gemacht werden sollten. Während der beiden Besuche führte sie die Klassen dann mit einem äußerst interessanten und informativen Vortrag in die Arbeitsweise und das Quellenmaterial eines Archivs ein. Dabei hatten die Schüler zum Beispiel die Gelegenheit, eine mittelalterliche Königsurkunde mit ihren mächtigen Wachssiegeln zu bewundern, und wurden durch die zahlreichen Magazine des Staatsarchivs geführt, um einen Eindruck von der großen Menge des vorhandenen Archivmaterials zu bekommen.

Katja Schulte-Bockholt