Die Dreigroschenoper

Das Licht geht aus. In der Turnhalle des Gymnasium Marktbreit verstummen die Stimmen der Zuschauer. Auch hinter den schwarzen Vorhängen werden die aufgeregten und hektischen Rufe nun leise. Alles ist vorbereitet, der Text auswendig gelernt, die Musikinstrumente gestimmt, die Sänger eingesungen. Es kann losgehen.

Der Spot geht an und alle Augen richten sich auf die Spelunken-Jenny (gespielt von Lisa Pamperrien), die sich auf einem Sofa räkelt und zu den weltbekannten Melodien Kurt Weills anstimmt: „Und der Haifisch, der hat Zähne. Und die trägt er im Gesicht...“ Die Premiere der „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht, aufgeführt vom Grundkurs Dramatisches Gestalten und der Schulspielgruppe II hat begonnen.

Unter der versierten Leitung von Dr. Roland Kofer haben die „Großen“ der beiden Theatergruppen des Gymnasiums seit Schuljahresbeginn Brechts berühmtes Stück einstudiert, das bereits 1928 uraufgeführt wurde.

Mit der Dreigroschenoper zielt Brecht auf die Entlarvung der korrupten Bourgeoisie. Da erscheint gleicht zu Beginn der angsteinflößende Bettlerkönig Peachum. Philipp Müller verkörpert dieses Musterbeispiel eines aalglatten Geschäftemachers. Die Not und Armut der anderen sind für Peachum nichts anderes als Mittel zum Zweck. Mit der Firma „Bettlers Freund“ kontrolliert und organisiert er Londons Bettler und muss sich mit Leuten wie Filch (Christopher Grohmann) herumärgern, die auf eigene Faust gebettelt haben. Als hätte er nicht schon genug Sorgen, bekommt Peachum dann auch noch von seiner Frau Celia (Evelyn Zehnder) mitgeteilt, dass seine Tochter Polly (Sina Richter) mit Mackie Messer (Daniel Augustin), dem wohl größten und skrupellosestem Verbrecher Londons fortgegangen und seitdem nicht mehr nach Hause gekommen ist. In einer alten Autowerkstatt feiern die beiden tatsächlich unterdessen ihre Hochzeit. Die Feierlichkeiten sind herrlich bunt hintermalt von Mackies in ihrem „Beruf“ reichlich untalentierten Räuberfreunden, die mit ihrer Planlosigkeit für Unmut bei Mackie Messer, jedoch für einige beherzte Lacher beim Publikum sorgen.

Als Peachum von der Hochzeit erfährt, beschließt er zusammen mit seiner Frau, Mackie an die Polizei auszuliefern.

Von seiner Frau Polly gewarnt, kann Mackie rechtzeitig flüchten und sucht fortan bei diversen früheren Geliebten Unterschlupf. So geht er zunächst zur Spelunken-Jenny ins Hurenhaus nach Turnbridge und amüsiert sich mit den Freudenmädchen, wird dann jedoch verraten und verhaftet. Ab sofort liefert sich Mackie mit den Behörden eine Art Verfolgungsrennen. Er wird verraten, verhaftet, kommt wieder frei, wir erneut verraten usw. In einer durch und durch verdorbenen bürgerlichen Gesellschaft, in der Erpressung und Korruption an der Tagesordnung stehen, betrügt jeder jeden, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Selbst der Polizeichef Brown (Sebastian Hammer) kann nur ohnmächtig dabei zusehen und sich die geschniegelten Haare raufen. Dass Mackie zum Schluss wie durch ein Wunder doch noch freikommt und zu allem Überfluss auch noch in den Adelsstand erhoben wird, macht diese Geschichte zu einer köstlichen Satire.

Präzise und detailverliebt vermitteln die Akteure auf der Bühne den Zuschauern einen tiefen Einblick in diese korrupte Gesellschaft. Diese Gesellschaft, in der niemand niemandem trauen kann, in der die bürgerlichen Verhaltensweisen verbrecherisch sind, da die „echten“ Verbrecher durch bürgerliche Methoden und Manieren erfolgreich sind.

Nicht zuletzt die musikalische Untermalung in Form von eingebauten Liedern nach der Vorlage von Kurt Weill lockern das Stück mit seiner dichten Handlungsabfolge auf. Das Schulorchester unter der Leitung von den Musiklehrern Herbert Ullmann und Stephan Goldhahn meistert diese Aufgabe bravourös und begleitet die Sänger bei ihren Solostücken. Die Aufführung bietet den Zuschauern so neben der Schauspielerei auch noch ein musikalisches Schmankerl. Die Schüler verstehen es wirklich, auch die zum Teil schwierigen Lieder auf wunderbare Art und Weise vorzutragen und verzaubern damit ihr Publikum. Da schmettern Mackie Messer und der Polizeichef Braun zusammen ihren rhythmischen Kanonensong und Polly liefert sich mit Lucy, einer Ex-Geliebten Mackies (gespielt von Anja Kleinschnitz), eine emotionsgeladene Eifersuchtsszene, wobei sie sich singend beschimpfen.

Die Inszenierung, die Schauspiel mit Gesang und Tanz kombiniert, ist ein wirklich gelungenes Gemeinschaftsprojekt des Gymnasiums. Und so verlässt das Publikum, als der begeisterte Applaus langsam verebbt und die Lichter in der Turnhalle angehen, die schaurigen und zwielichtigen Schauplätze Londons nicht ohne einen Ohrwurm mit nach Hause zu nehmen: „Und der Haifisch, der hat Zähne. Und die trägt er im Gesicht ...“

Franziska Ziegler (K12)
Foto: H. Rienecker

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