Max Mannheimer am Gymnasium Marktbreit

Die Zeit des Nationalsozialismus wird an bayerischen Gymnasien sowohl in der Mittelstufe als auch in der Oberstufe im Geschichtsunterricht behandelt. Doch je weiter diese Zeitspanne in die Vergangenheit rückt, desto schwieriger ist es für uns Nachgeborene, uns die Ereignisse sowie die politischen und gesellschaftlichen Mechanismen dieses dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte zu vergegenwärtigen und einen Eindruck von der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden zu gewinnen.

Geschichte wird lebendig, wird in ihrer Relevanz gegenwärtig, wenn Zeitzeugen uns aus ihrem Leben berichten, und so war es ein Glücksfall für die 140 Oberstufenschüler des Gymnasiums Marktbreit, dass sie am Dienstag, den 24. Januar die Gelegenheit hatten, ein Gespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Dr. Max Mannheimer zu führen. Dieser ist seit 1986 beinahe rastlos unterwegs und spricht in Schulen, an Universitäten, auf Tagungen und Kongressen. Der für sein Wirken vielfach geehrte und ausgezeichnete Dr. Mannheimer kam zusammen mit einem Fernsehteam des ZDF, das gerade ein Porträt über ihn als Zeitzeugen dreht.

Dr. Mannheimer hat im Lauf der Jahre bereits zwei Mal vor Schülern des Gymnasiums gesprochen, denn seine Biographie, so erzählt er den Schülerinnen und Schülern, ist mit dem Ort Marktbreit verknüpft. Nach der Befreiung durch die Amerikaner ist er von einer Segnitzer Familie aufgenommen worden. Er hat dort einige Zeit verbracht und hier auch seine zweite Frau kennen gelernt und geheiratet.

Gespannte Aufmerksamkeit erfüllt den Raum, als Dr. Mannheimer mit seinen Ausführungen beginnt, und diese Aufmerksamkeit wird sich durch die ganzen zwei Stunden ziehen, in denen er zu den Schülerinnen und Schülern spricht. An die Tafel hat er mit Kreide die Stationen seines Leidenswegs unter den Nationalsozialisten aufgezeichnet: Nový Jičín (Neutitschein) im sudetendeutschen Teil der damaligen Tschechoslowakei, wo Max Mannheimer im Jahr1920 geboren wurde, Uherský Brod (Ungarisch-Brod) im später von den Nationalsozialisten besetzten Böhmen und Mähren, Theresienstadt, Auschwitz, Warschau, Dachau.

Und dann beginnt er mit seinem Vortrag. Er liest aus seinen Erinnerungen, die unter dem Titel „Spätes Tagebuch“ in zahlreichen Sprachen erschienen sind. Immer wieder unterbricht er seine Lesung, sucht den Blickkontakt zu seinen jungen Zuhörern, erzählt ihnen in spontaner, anschaulicher Art von seinen Erlebnissen. Von den Demütigungen, vom Hunger, von Krankheit und Misshandlung, vom Tod seiner Ehefrau, seiner Eltern und Geschwister in den Gaskammern von Auschwitz. Er und sein jüngerer Bruder Edgar haben als einzige ihrer achtköpfigen Familie überlebt.

Nach einer Stunde beendet er seine Ausführungen vorläufig und gibt den Schülern die Gelegenheit Fragen zu stellen. Die Schüler gehen auf das Angebot ein und beweisen, dass sie der Vortrag beeindruckt hat. Die Fragen sind so zahlreich, dass die Veranstaltung spontan um eine Stunde verlängert wird. Fragen kommen zum täglichen Leben, Leiden und Sterben im Konzentrationslager, zu seinen persönlichen Gefühlen während dieser Zeit, zum Schicksal seiner Familie.

Die Schüler fragen außerdem, wieso er sich das antue, wieder und wieder über das erfahrene Leid zu sprechen, ob er die Deutschen hasse, ob er je Rachegefühle verspürt habe. Dr. Mannheimer antwortet konzentriert und ausführlich auf jede der gestellten Fragen. Der Grundtenor seiner Antworten ist eine Versöhnlichkeit, die absolute Bewunderung abringt. Schon zu Beginn seines Vortrags hat er betont, er komme nicht als Ankläger oder Richter, seine Intention sei es vielmehr, ein Zeitzeuge zu sein, der gegen das Vergessen spricht und mit seinen Berichten aus der Vergangenheit das Bewusstsein für Demokratie und Menschenrechte stärkt. Nein, er hasse die Deutschen nicht, erklärt er den Schülern und führt aus, wie viele Deutsche Juden versteckt haben. Er stellt sich sogar die Frage, ob er damals wohl den Mut gehabt hätte, selbst Juden zu verstecken, wenn er in der Situation eines nichtjüdischen Deutschen gewesen wäre.

Ob er sich im Rahmen seiner Vortragstätigkeit mit Neonazis habe auseinandersetzen müssen, möchte ein weiterer Schüler wissen. Max Mannheimer bejaht diese Frage, erzählt auch, dass er schon einen jungen Neonazi im Gefängnis besucht habe, dass er ihm geholfen habe, diese „Krankheit“, so nennt er es, zu überwinden.

Befragt zur Wirkung, die dieses Gespräch bei ihnen hinterlassen hat, antworteten viele Schüler, wie beeindruckt sie von der Persönlichkeit Dr. Max Mannheimers seien, von seiner Klugheit, von seiner kraftvollen und anschaulichen Art zu schildern, von der Lebensenergie, die er vermittelt.

Max Mannheimer gelang mit seinem Vortrag zweierlei: Er vermittelte einen schockierenden und bedrängenden Eindruck davon, was er und Millionen von Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus erleiden mussten. Zugleich aber ermutigte und bestärkte er sie, in ihrer Gegenwart für Demokratie, Menschenrechte und Völkerverständigung einzutreten.

Katja Schulte-Bockholt