Hexenjagd

„Ich wünsche mir die Möglichkeit, ein aggressives Stück zu schreiben. Es sollte aus dem Morast des Subjektivismus jenen einen, ganz bestimmten, schleichenden Prozess ans Licht bringen, durch den sich erweist, dass die Sünde des gesellschaftlichen Terrors darin besteht, den Menschen seines Gewissens zu berauben und damit seiner Persönlichkeit“. Diesen Vorsatz hatte sich der kürzlich verstorbene Arthur Miller für sein Theaterstück Hexenjagd gefasst, und den Vorsatz, dies darzustellen, fasste sich auch die Schulspielgruppe II des Gymnasiums Marktbreit, erstmals unter der Leitung von Dr. Roland Kofer, als sie am Montag, den 14.03.2005 um 19.30 Uhr dieses Drama zur Aufführung brachte.

In einer puritanischen amerikanischen Gemeinde des 17. Jahrhunderts haben ein paar junge Mädchen nachts heimlich im Wald getanzt und sie wurden dabei beobachtet. Kurz darauf wird eines der Mädchen krank. Der Verdacht der Teufelsbeschwörung kommt auf und die Mädchen treten aus Angst vor Strafe die Flucht nach vorne an: Sie geben vor Visionen zu haben und beginnen Namen von Gemeindemitgliedern „auszuschreien“, die mit dem Teufel im Bunde stehen. Massenhysterie greift um sich, die Obrigkeit wittert Aufruhr, Anarchie und Gotteslästerung und richtet ein eigenes Gericht ein, um die vermeintlichen Hexen abzuurteilen und aufzuhängen. Jeder kann verdächtig werden und von Tag zu Tag wird die Liste der Angeklagten länger. Eines der Mädchen, die junge und lebenslustige Abigail (Bianca Ritter), hatte eine Affäre mit dem Bauern John Proctor (Martin Böcker). Sie will nicht akzeptieren, dass er zu seiner kühlen und sittenstrengen Ehefrau (Isabell Zehnder) zurückkehren will, daher wird auch diese als Hexe beschuldigt. Vergeblich versucht eines der Mädchen, Marry Warren, (Vera Nusko) im Verlauf des Stücks noch, sich unter Proctors Einfluss zur Wahrheit zu bekennen.

Die Ereignisse gewinnen eine verhängnisvolle Eigendynamik, Proctor versucht dem Massenwahn mit Appellen an die Vernunft Einhalt zu gebieten. Aber niemand findet sich, ihn wirklich zu unterstützen. Da ist der Priester der Gemeinde, Reverend Parris (Thomas Klement). Angst, Unentschlossenheit und Opportunismus lassen ihn tatenlos zusehen. Und da sind die ehrenwerten Richter Hathorne (Karin Dolezol) und Danforth (Michael Hörner). Sie haben diesen Prozess begonnen, als er sich verselbstständigt und abstruse Formen annimmt, glauben sie nicht mehr zurück zu können. Der Glaube an ihre Amtsautorität, die Unfähigkeit, sich selbst zu einem Irrtum zu bekennen und ihre Eitelkeit machen es ihnen unmöglich, das Aburteilen von unschuldigen Bürgern zu beenden. Lediglich Reverend Halle (Lisa Pamperrien) kämpft um die unschuldigen Opfer, muss aber verzweifelt erkennen, dass der Wahn stärker ist als alle Vernunft, weil er nicht mehr aus Überzeugung, sondern aus niedrigen menschlichen Motiven aufrecht erhalten wird.

Es ist ein Stück über den Hexenwahn in der frühen Neuzeit, aber es ist vor allem auch ein Stück über gesellschaftliche Erscheinungen, die in unserer Zeit immer wieder auftreten können. Es wendet sich gegen Angst und Massenwahn, gegen Denunziation, Gesinnungsschnüffelei und gegen den Missbrauch politischer Macht. Als direkter Anlass für Arthur Miller gelten die unter dem Vorsitz des entschiedenen Kommunistenfeindes McCarthy in den 50er Jahren eingerichteten parlamentarischen Untersuchungsausschüsse zur Aufdeckung antiamerikanischer Umtriebe.

Den Schauspielern der Schulspielgruppe II und des Grundkurses Dramatisches Gestalten ist es wirklich gelungen, die beängstigende Atmosphäre des Stücks lebendig werden zu lassen. Die Angst der Mädchen, die Unfähigkeit, dem Wahnsinn ein Ende zu machen, die Verbohrtheit der Autoritäten wurde auf eindringlichste Weise dargestellt und etwa 250 Zuschauer verfolgten das Drama mit angehaltenem Atem. In weiteren Rollen spielten ebenso überzeugend wie die oben genannten Schauspieler: Marina Rhein, Laura Kolla, Janna Holzberger, Jasmin Ninow, Ulrike Lussert, Mirjana Moreth, Jan-Philipp Müller, Markus Klement und Oliver Kraft. Nicht zu vergessen sind auch die zahlreichen Helfer hinter der Bühne, die nötig sind, um ein so großes Stück aufzuführen: Andreas Keller, Rebecca Reichherzer, Annette Neuber, Katharina Ott, Julia Schöller, Katharina Ott, Sevda Mutlu und Pinar Mutlu. Die musikalische Leitung übernahm Herbert Ullmann.

Dieses mit großem Aufwand und in zahlreichen Sonderproben einstudierte Stück hat gezeigt: Auch eine Schulspielgruppe kann großes Theater auf die Bühne bringen. Dem nächsten Stück der Gruppe wird mit Erwartung und Spannung entgegengesehen.

Katja Schulte-Bockholt

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